VSAO Bern Grant 2026: Verletzungen bei Frauen besser verstehen
Klinische und sportmedizinische Forschung stützte sich lange vorwiegend auf männliche Kollektive. Die wenigen vorliegenden Arbeiten zu Frauen sind klein, konzentrieren sich fast ausschliesslich auf das Knie und liefern widersprüchliche Ergebnisse. So wird im Frauenfussball ein zwei- bis achtfach höheres Kreuzbandrisiko als bei Männern berichtet, ohne dass die Ursachen dafür geklärt sind. Entsprechend kursiert zu diesem Thema viel Halb- und Unwissen.
Östrogen und Progesteron wirken auf Bandlaxität, Muskelfunktion, Entzündungsgeschehen und Schmerzwahrnehmung, die sowohl die Entstehung von Verletzungen als auch deren Heilung mitbestimmen könnten. Ob sich das im Verletzungsgeschehen niederschlägt, ist ungeklärt. Die Studie fragt deshalb, wie sich akute traumatische Verletzungen über die vier Zyklusphasen verteilen und wertet Art, Lokalisation, Ursache und Schweregrad aus. Ebenfalls untersucht wird der Einfluss hormoneller Kontrazeption.
Die Ausrichtung der Studie ist traumatologisch und nicht gynäkologisch: Der Zyklus dient als Zugang zu einer Frage der Traumaversorgung: Gibt es vulnerablere Phasen mit erhöhter Verletzungsanfälligkeit? Und schlussendlich: Wie lassen sich Verletzungen bei Frauen verhindern und in Zukunft vielleicht auch besser behandeln? Ergänzend dazu ist eine Subgruppenauswertung muskuloskelettaler Verletzungen (Knochenbrüche, Bänderrisse etc.) vorgesehen.
Eingeschlossen werden können alle Frauen ab 18 Jahren, die sich mit einer akuten unfallbedingten Verletzung auf dem Notfall vorstellen. Sie werden nach der regulären Triage für die Studienteilnahme angefragt. Es folgen ein strukturiertes Interview u.a. zum Unfallhergang, also zu Sport-, Berufsunfall oder Nicht-Berufsunfall, und eine Blutentnahme zur Bestimmung von Estradiol, Progesteron, LH und FSH. Die Zyklusphase wird über diese Hormonwerte klassifiziert, nicht über Selbstauskunft. Das unterscheidet die Studie von den bisherigen Fragebogenerhebungen.
Schwerstverletzte und Patientinnen mit notfallmässigem Interventionsbedarf werden ausgeschlossen. Die Studie greift in keinem Fall in die Akutversorgung ein. Ausgelegt ist das Projekt auf eine hohe Teilnehmerinnenzahl. Die Bereitschaft der angefragten Patientinnen ist bislang gross. Die Gesamtdauer beträgt 21 Monate, die letzten drei Monate sind für Auswertung und Publikation vorgesehen. Die Ethikbewilligung liegt vor und die ersten 100 Patientinnen wurden bereits rekrutiert.
Helen Moser spielte Handball auf Nationalmannschaftsniveau. Zyklusadaptiertes Training ist unter jüngeren Sportlerinnen inzwischen verbreitet, die Datengrundlage dafür ist dürftig. Neben der klinischen Frage geht es ihr deshalb auch um Sensibilisierung.