«Die Dienstplanung erfordert eine gewisse Flexibilität» – Michelle Hüppi und Patrick Thalmann im Gespräch
VSAO Bern: Michelle, Patrick, ihr seid unser neues Dienstplanberatungsteam. Wie habt ihr euch in eure neue Rolle eingefunden?
Patrick: Es ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Das Thema bewegt und ist in unserem medizinischen Alltag sehr präsent. Ich will meine Aufgabe möglichst gut machen und den Ansprüchen unserer Berufskolleg:innen gerecht werden. Alles innerhalb des rechtlichen Rahmens, versteht sich. Mir ist sehr bewusst, dass wir im Namen des VSAO Bern unterwegs sind. Vieles basiert auf Glaubwürdigkeit und «Trust». Zum Glück werden wir sehr gut eingeführt und begleitet durch unsere Vorgängerin, Noëmi Allemann, sowie durch Philipp Rahm vom VSAO Schweiz.
VSAO Bern: Ihr habt regelmässig Dienstpläne in den Händen. Wie identifiziert ihr darin potenzielle Schwachstellen und «Pain Points»?
Michelle: Wir machen immer eine Zeitauswertung. Dort sieht man schnell, welche Dienste problematisch sind. Beispielweise, weil ein bestimmter Dienst jedes Mal dreizehn Stunden dauert. Dann fragen wir uns: Kann man bei der betreffenden Station etwas ändern? Vielleicht kann jemand von einer anderen Station einspringen oder aushelfen, um die Situation zu entschärfen.
Patrick: Ja genau, die Stationsdiente sind oft zu lang. Auf dem Notfall mit den Schichtdiensten ist das weniger ein Problem. Obwohl der auch überlastet sein kann.
VSAO Bern: Wie seid ihr mit dem Thema Dienstplanung in Berührung gekommen?
Patrick: In vielen Spitälern werden die Dienste vom Sekretariat oder auf einer höheren Ebene – etwa von der stellvertretenden Chefärzt:in – geplant. Dass Assistenzärzt:innen diese Aufgabe übernehmen, ist eher die Ausnahme. Das war auch bei mir nicht anders. Trotzdem betrifft der Dienstplan uns als Assistenzärzt:innen am meisten. Dies hat bei mir zwangsläufig dazu geführt, dass ich mich verstärkt damit auseinandersetzen wollte. Durch viel Lesen, das Besuchen der Dienstplanworkshops des VSAO Bern haben wir uns mit der Thematik vertraut gemacht. Diese Kurse würde ich übrigens jedem und jeder empfehlen, der oder die mit Dienstplanung zu tun hat. Sie finden regelmässig statt.
Eine Besonderheit in unserer Branche ist das Planen mit einer 50-Stunden-Woche. Das bringt Tücken mit sich. Als Beispiel sei hier der Unterschied zwischen Überstunden und Überzeit erwähnt. Auch sonst gibt es viele Dinge zu beachten; die Nicht-Benachteiligung von Teilzeitarbeitenden etwa oder das Gewährleisten von Kontinuität auf der Station. Diese Problematik ist komplex. Und das macht das Ganze natürlich auch spannend.
VSAO Bern: Wie steht ihr zur Impliziten Weiterbildung und 42+4 – ist der Kanton Bern bereit dafür?
Michelle: Aus meiner Sicht ist die 42+4-Stunden-Woche auch in Bern definitiv die Zukunft. Es ist wichtig, dass wir darüber reden und das Thema in den Fokus rücken. Auch Arbeitgebende müssen sich dafür einsetzen und mitziehen. Ein wichtiger Schritt in diese Richtung ist, dass die Weiterbildungszeit korrekt erfasst wird. Vielerorts ist das noch nicht der Fall. Häufig ist die Ursache dafür technischer Natur. Es gibt nicht wirklich «gäbige» Tools, mit denen sich die Weiterbildungszeit stoppen lässt. Beim «Teaching on the Job» passiert ja vieles quasi «zwischen Tür und Angel». Aber auch die explizite Weiterbildung wird häufig nicht systematisch erfasst. Sie fliesst in die 50 Stunden ein. Und ob es zwei, vier oder acht Stunden Weiterbildung waren, weiss hinterher oft niemand mehr. Es gab schon Anläufe mit Apps oder QR-Codes, aber es hapert noch an der Umsetzung.
Patrick: Der Lohn der Assistenzärzt:innen basiert auf 42 Stunden Arbeit. Acht Stunden sollten der Weiterbildung zugutekommen. Leider ist es im Alltag oft schwierig, das so umzusetzen. Allerdings liegt es auch im Interesse der Spitäler, dass diese Weiterbildung tatsächlich stattfindet und strukturell erfasst wird. Ansonsten leidet die Weiterbildung und damit letztendlich auch die Arbeitsqualität.
VSAO Bern: Gibt es bei der Dienstplanung ungeschriebene Regeln und Gesetze – habt ihr da schon etwas festgestellt?
Patrick: Ich denke, es ist nicht sinnvoll, das Arbeitsgesetz jedes Mal stur durchzusetzen. Manchmal gibt es betriebliche Situationen, die überlange Arbeitszeiten erfordern. Dies sollte aber die Ausnahme sein und nicht die Regel.
Michelle: Genau. Wenn es zum Beispiel der ausdrückliche Wunsch einer Assistenzärzt:in ist, sieben Nächte am Stück zu arbeiten, damit sie danach eine Woche frei hat, kann das durchaus Sinn machen und der Gesamtsituation zuträglich sein. Da muss man mit einer gewissen Portion Flexibilität rangehen. Es ist ein ungeschriebenes Gesetz, dass wir versuchen, eine Situation herzustellen, die für alle stimmt. In der Dienstplanung – und in der Beratung sowieso.
VSAO Bern: Habt ihr Tipps für angehende Dienstplaner:innen?
Michelle: Unbedingt die Zeitausweise anschauen und versuchen, diese zu verstehen. Das ist nicht nur für Dienstplaner:innen unabdingbar, sondern für alle Mitarbeitenden empfehlenswert. Wir haben das Recht, die Zeitausweise einzusehen. Es ist wichtig, die Verantwortung selbst in die Hand zu nehmen. Vielerorts gibt es Luft nach oben. Oft lässt sich eine Situation im Spital deutlich verbessern – auch ohne neue Stellen zu schaffen. Es geht nicht darum, jemanden an den Pranger zu stellen oder zu «plagen». Wir wollen ja in erster Linie helfen, gute Arbeitsbedingungen zu schaffen. Nicht für einzelne. Sondern für alle.
VSAO Bern: Michelle, Patrick, vielen Dank für dieses Interview.